11. Januar 2015

Mann am Arno

by G. B.

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In der kommenden Woche beginnt in Florenz die Pitti Uomo und wir freuen uns schon sehr auf viele Selfies und Gruppenbilder ganz toll bekleideter Männer mit vielen witzigen Accessoires. Natürlich wird sich auch der eine oder andere deutsche Italienentdecker aus dem gehobenen Einzelhandel auf ein Bild drängen und vielleicht sogar die Speisefolgen beim abendlichen Essen in einem extrem angesagten Florentiner Lokal mit uns teilen.

Was uns jedoch etwas mehr beschäftigt: Welche interessanten Produkte erwarten uns in der Herbst/Winter Saison 2015/16? Aber möglicherweise erhoffen wir auch zu viel von dieser schönen und sehr internationalen Messe, denn wer unter dem vielversprechenden Titel „ JUST LIKE A MAN„ unter anderem das Evergreen-Thema „Gentlemans Club“ strapaziert und dabei auf die Symbolik eines Barber-Shops, eines Schuhputzers und eines Rauchersalons setzt, findet interessierte Kundschaft wohl eher auf der Klischee-Seite oder in Schwellenländern, aber kaum unter den Herren mit einem eigenen Stil.

31. Dezember 2014

Heute ist nicht alle Tage …

by G. B.

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Zum Abschluß des Jahres gönnen wir uns einen kleinen Rück- und Ausblick. Seit gut sieben Jahren schreiben wir über Themen rund um klassische Herrenbekleidung, im Mittelpunkt stehen dabei seit jeher die Hersteller, die wir  – soweit möglich –  gerne unterstützen. Wir tun dies unabhängig, werbefrei und ohne alimentierte PR-Texte – und das bleibt auch so, denn redaktionelle Qualität, kritischer Umgang mit Marktakteuren und der nötige Schuß Humor sind uns wichtiger, als die Gefälligkeitsberichterstattung, wie sie leider zu häufig von Blogs erwartet wird. Dafür stecken wir gerne Kritik ein, denn zum Dialog gehört eben auch die andere Meinung.

Was uns gefallen hat, oder auch nicht, haben wir aufgeschrieben. Worauf wir im kommenden Jahr schon heute verzichten können:

  • Armbändchen aus Leder oder Halbedelsteinchen
  • Vollbärte als modisches Accessoire
  • Flagshipstores
  • Das traditionelle „Margen 1×1“ der Händler
  • Nudeln im Sortiment beim Herrenausstatter
  • Das protzige Präsentieren von Zeitmessern in Verbindung mit dem Thema Stil
  • Sprezzatura-Kasper
  • Webshops als vermeintliche Antwort auf veränderte Kundenerwartungen
  • Philosophisch literarische Ergüsse in Händler-Broschüren.

Was wir in 2015 gerne beklatschen würden:

  • Frische Ideen für den Vertrieb
  • Mehr klassische Produkte für jüngere Leute
  • Mehr Demut im Handel, weniger aufgesetztes Sendungsbewusstsein
  • Nicht mehr dauernd verklagt zu werden
  • Die Renaissance der Krawatte.

 

In diesem Sinne, viel Erfolg, Spaß und Gesundheit im neuen Jahr.

22. Dezember 2014

Sieben auf einen Streich – Fragen an Graf Sprezzula

by G. B.

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Stilikone: Don Duckula

Anzüge sind … Berufsbekleidung

Lieblings-Accessoire: Mein Nekromanten–Cape aus Karparten-Kaschmir vom Bartflaum ahnungsloser Bergbauernjünglinge und mein Kapitalstock

Männer brauchen … blutleere Herrenausstatter und finanziellen Aderlaß

Ich kaufe gerne … im Dunkeln

Deutsche Männer sind … meine abergläubischen Opfer

Frauen sollten … mich beschützen

Graf Sprezzula ist eigentlich ein Gigant und ein Dynast, der aber im Verborgenen wirkt und nur teilweise, dann unter anderen Namen, eine Außenwirkung mit “kleinem Erfolg” entfaltet. Von der Welt meist nur als verarmter, blutsaugender transsylvanischer Landadeliger wahrgenommen, kleidet er in Wirklichkeit im Rahmen seines Reiseprojektes „Sarto in Fiasko“ fast alle europäischen Königshäuser.

Dies ist, soweit wir wissen, sein erstes Interview überhaupt. Wir fühlen uns geehrt!

19. Dezember 2014

System statt Bread & Butter

by G. B.

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Von Jürgen Wolf

Gestern war die Bread & Butter noch die weltweite Leitmesse für Urban Wear und Jeans und Berlin der Modestandort schlechthin. Heute ist sie insolvent. Den einen mag es wundern, andere haben es natürlich schon immer gewusst. Karl-Heinz Müller wird jetzt so ziemlich alles vorgeworfen, was dem Einzelnen in der Textil-Meute schon immer gestunken hat. Auf der Bread & Butter gab es Marken die keinen Platz bekamen, zu denen irgendwann auch mal Homeboy gehörte. Ich hatte nämlich 1992 das Gefühl, auf der Interjeans in Köln müsse etwas passieren und kam mit der Idee für die Halle 12.1 um die Ecke. Der Begriff Fashion Sport war geboren und unsere Halle glich damals einem brodelnden Hexenkessel.

Danach saß ich im Messebeirat der Kölner Messe und als K-H Müller mit der ersten Bread & Butter um die Ecke kam, war ich dadurch mit Homeboy wohl auf der falschen Seite. Das war dann Mitte 2000 eine schlechte Voraussetzung für einen Platz in Barcelona. Den hatten wir dann aber trotzdem bekommen und KHM besuchte den Homeboy Stand. Er gefiel ihm, weil er in sein Konzept passte, er setzte sein breites KHM Signature Lächeln auf und klopfte mir auf die Schulter. Damit war alles gut. Sein Bauchgefühl war im Lot.

Die Kölner Messe hatte niemanden mit Bauchgefühl, aber eine Menge Zahlendreher in mittelmäßigen Anzügen. Im Gegensatz zur B & B, waren sie nicht fähig, Stimmungen zu verkaufen. Ihr Job war der Flächen zu vermieten. KHM ist aber ein Spezialist für die Gefühlswelten in der Mode und hat dies feinfühlig umgesetzt. Seine Messe wurde zur Marke und diese Marke hatte eine gigantische Anziehungskraft. Die Interjeans musste ihre Pforten schließen.

Perfekte Inszenierung spielt keine Rolle

KHM hat der Branche das gegeben, was sie eigentlich braucht und leider oft vermisst: die Inszenierung! Etwas in Szene setzen. Und zwar so, dass es am Ende dort ankommt, wo es hingehört: in den Schrank des Endverbrauchers. Im englischen Sprachraum heißt Messe Show. Das beschreibt die Aufgabe einer Messe vielleicht besser, denn sie soll dem Einkäufer eine Idee geben, die er in seinem Laden schlecht selber entwickeln kann. Etwas Neues aufzeigen. Das war die letzten 13 Jahre die Aufgabe der B & B und diese hat sie perfekt erfüllt.

Der Untergang der B & B ist symptomatisch für eine Konsumwelt in der die H&M´s dieser Welt die 1A Standorte mit günstiger und schneller Ware besetzen. Darauf hatte als erster Heinz Krogner reagiert und mit seinem System Esprit in die Weltliga gespusht. Und da taucht der Begriff zum ersten Mal auf: System.

Irgendwann merken es auch die anderen und lernen und auf einmal sind alle Systemanbieter. Dem Einkäufer wird sein instinktives Bauchgefühl abtrainiert, weil es nicht ins System passt. Die Abverkaufsliste ist jetzt der neue Gott und an den glauben bald alle. Ergebnis: der Markt verändert sich dramatisch.

Überall entstehen Markenflächen. Oder sollte man sagen Flächen? Sind denn alle auch eine Marke, die von sich behaupten eine Marke zu sein? Wohl kaum, denn nur die wenigsten haben eine Botschaft. Was ist die Botschaft von Porsche? Das weiß jedes Kind! Wie lautet die Botschaft von Jack and Jones? Mir fällt keine ein. Klar: Hier wird gute Ware zu einem Top-Preis angeboten und der Händler mit einer fürstlichen Spanne entlohnt. Klasse Konzept. Und weil das so toll ist, machen das die anderen jetzt auch.

Und weil der Händler Einfluß auf seine Kunden hat, glauben die vielen Kunden den vielen Schaufenstern und kaufen günstige Ware. Logisch. Wenn das auf einmal ausreicht, um in seiner eigenen Herde anerkannt zu werden, warum das doppelte für ein Sweatshirt ausgeben als bisher. Mein Händler hat es ja mit seinem Einkauf legitimiert. Auf einmal erkennt der Markt, dass so ziemlich alles gleich aussieht. Was wird gemacht? Darauf geachtet, dass das Produkt X dort gekauft wird, wo man das beste Preis/Leistungs- Verhältnis bekommt. So weit, so logisch und so gehen die Jahre dahin.

Derweil versorgte uns die Bread & Butter mit der guten Stimmung und währenddessen kommt das Internet auf den Plan und Zalando kauft alles, was es gibt. Der Markt lacht. Zalando verbrennt sehr viel Geld und sammelt fleißig Daten. Der Markt hat sich an sein Lachen gewöhnt, fängt jetzt aber das große Schimpfen an: Zalando klaut unsere Umsätze. Mittlerweile hat Zalando riesige Datenmengen gesammelt und wertet aus. Radikal. Die Industrie bekommt es zu spüren. Die Prozesse werden perfektioniert und „Huch“ ein Börsengang. Und nochmal „Huch“ , schwarze Zahlen. Die wirklich tödliche Waffe kommt aber erst jetzt ins Spiel: Zalando hat beim Börsengang eine ¾ Milliarde an Euros kassiert und wird jetzt EIGENE Marken auf ihre Plattform wuchten! (Weiterlesen…)

17. Dezember 2014

Sieben auf einen Streich – Fragen an Peter Kröger

by G. B.

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Stilikone: Robert Redford

Anzüge sind … immer seltener anzutreffen. Leider.

Lieblingsaccessoire: Sonnenbrillen und Lederwaren.

Männer brauchen … Frauen.

Ich kaufe gerne … Bücher und Krawatten.

Deutsche Männer sind … in Kleidungsfragen immer noch sehr traditionell.

Frauen sollten … genauso ihr Ding machen wie Männer.

 

Peter Kröger ist einer der Gründer von John & Phips. Das Unternehmenwurde 2014 mit dem Ziel gegründet, ehrliche Produkte auf den Markt zu bringen, die das Zeug zum lebenslangen Begleiter haben. Die erste Kollektion besteht aus Piquéhemden in drei klassischen Farben.

2. Dezember 2014

To boldly go where no man has gone before

by G. B.

 

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Der Herrenausstatter Michael Jondral aus Hannover – wir zitieren aus seiner bescheidenen Selbstdarstellung – „zählt zur Elite der europäischen Herrenausstatter. Aficionados wie Hersteller schätzen den Rat des alerten Herrenmode-Experten.“ Nun ist der Boutiquenbesitzer mit einem neuen Konzept unterwegs: Unter dem Titel „Sarto in Viaggio“ reist der Hannoveraner mit verschiedenen Herstellern aus seinem Portfolio in fremde Städte jenseits seines Sitzes an der Leine.

Noch offen ist, ob dieses Konzept, das die Kollegen des alerten Experten kaum besonders begrüßen dürften, die Zukunft des Einzelhandels determiniert oder eher aus der Not geboren wurde. Das Rätsel, ob Theaterdirektoren, die in ihrem Haus keine Gäste mehr haben, einen Wanderzirkus eröffnen sollten, können wir mangels fachlicher Eignung nicht lösen. Eine Frage die sich hier aber schon stellt: Wie sehen andere Handelspartner, beispielsweise die des transsilvanischen Schuhmachers St. Crispins, den Besuch des fliegenden Händlers in ihrer Stadt? Überhaupt löst sich mit Jondrals sartorialen Ausflüglern ein weiteres ehernes Gesetz der ehemals stolzen Herrenausstatterzunft in Luft auf: Gebietsschutz.

Bleibt die grundsätzliche Frage, wohin sich das hochwertige Angebot für Herren entwickelt. Sind mobile Trunk-Shows, die genau genommen nur die Fortsetzung eines bestehendes Konzeptes jenseits der Wände eines Geschäfts an anderen Orten sind, schon die Zukunft? Diese Form des Verkaufs kennen wir von Schneidern aus Hongkong, die sich von Hotel zu Hotel hangeln und beste Qualität zu niedrigen Preisen versprechen.

Das Jondralsche Angebot wird wohl kaum den günstigeren Preis zum Ziel haben, sondern ist vielmehr dem Wunsch entsprungen, andernorts interessante Zielgruppen zu aktivieren. Angesichts der rückläufigen Zahl von Herrenausstattern und eines schrumpfenden Angebots sicher eine naheliegende Idee. Ob sich eine spannende Warenwelt aber in einem Hotelzimmer abbilden lässt, wird zu beobachten sein. Auch der Aftersales und die damit verbundene Servicekultur sind ein interessantes Thema. Darüber hinaus gerät der Einzelhandel nun zusätzlich zu den (ungelösten) Herausforderungen des Internets durch eine neue Dimension des Wettbewerbs aus den eigenen Reihen an der Heimatfront unter Druck.

30. November 2014

Darauf einen Dujardin

by G. B.

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Die Getreideschnaps-Industrie entdeckt den Gentleman und hilfsbereite, höfliche, brüderliche deutsche Trunkenbolde. Uns fehlt:

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26. November 2014

Business-Strapse

by G. B.

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Wir lesen bei Sharp and Daper zum Hemdenträger/halter: “Shirt Stays are a game-changing product, which work by comfortably attaching your shirt to your socks with adjustable elastic braces. Hidden beneath your trousers, they make sure that your socks will never slip down and – most importantly – your shirt will stay tucked in the whole day long.”

 

 

18. November 2014

Fight the Trend

by G. B.

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Der französische Neurowissenschaftler Jonathan Touboul hat den so genannten “Hipster-Effekt” in seinem Aufsatz “The Hipster Effect: When Anticonformists All Look the Same” beschrieben. Toubol erklärt am Beispiel der Hipster das Phänomen, warum Individuen, die nicht zum „Mainstream“ gehören wollen, trotzdem ähnlich aussehen.

Die vermeintlichen Speerspitzen neuer Trends leiden unter dem gleichen Problem: Sie sind schlicht zu langsam. Denn niemand ist offenbar in der Lage, die neuesten Trends in Echtzeit aufzunehmen. Und so dauert es eben, bis sich ein Trend von New York bis nach Hannover verbreitet. Es entsteht eine verspätete Wahrnehmung an deren Ende mehr oder weniger alle gleichzeitig auf den Trend-Zug aufspringen. Dann alle im Konzert: Bart, Röhrenjeans und Jutetasche. Natürlich wirkt der einzelne in einer Ansammlung von Schalke-Fans modisch immer noch höchst individuell, im Szene Coffe-Shop für den tollen fair gehandelten Filterkaffe ist die Individualität aber schon verschwunden.

„Obwohl sie sich sehr bemühen anders zu sein, endet es oft damit, dass Hipster ständig die gleichen Entscheidungen treffen. In anderen Worten: sie sehen alle gleich aus“ erklärt Toubol

Und obwohl die zur Schau getragene Individualität mittlerweile auch in gut gemachten (trendsetenden) Magazinen wie der Heritage-Post etwas abziehbildhaftes hat, weil eben jeder sein tolles Messer, die unglaublichste Crafted-Jeans und den witzigsten Oldtimer hat, gilt trotzdem: hier wird viel Wert auf Qualität gelegt und allein das ist schon in Zeiten von kollektiver Outdoor-Optik hilfreich und lobenswert.

 

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Außerdem: die Schuh-, Knopfloch und Gentleman-Ingenieure in den einschlägigen Foren sind nicht minder langweilig und uniform. Wer die alljährlichen Gockel-Bildchen von der Pitti-Uomo betrachtet, kann sehen, dass sich Toubols Beobachtungen perfekt auch auf die Welt der Protagonisten sartorialer Herrenbekleidung übertragen lassen. Also: nicht dem Trend folgen, sondern eigenen Stil entwickeln, ist zeitlos, individuell und man kann wird nicht Gegenstand von Forschungsreihen.

11. November 2014

Stil aus Berlin: Purwin & Radczun

by G. B.

Schön gemachtes Video der Berliner Maßschneider Purwin & Radczun. Mittlerweile hat das Unternehmen die ersten Jahre hinter sich gebracht und allein die Tatsache, dass es noch existiert, spricht für die Ernsthaftigkeit und Kompetenz der Inhaber. In jedem Fall ein guter germanisch-britischer Gegenpol zu Touristen-Marken wie Brioni oder Kiton.

 

 

 

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