24. Dezember 2015

Im Gespräch mit Bernd Waltemode

by G. B.

Foto Waltemode

Bernd Waltemode gehört mit seinem gleichnamigen Geschäft im hessischen Bensheim seit Jahren zur ersten Liga der Herrenausstatter in Deutschland. Nach 25 Jahren schließt der 66jährige im Dezember sein Geschäft.

Herr Waltemode, warum schließen Sie ihr schönes Geschäft?

Der Hauptgrund ist tatsächlich das Auslaufen meines Mietvertrages nach 25 Jahren zum 31.12.2015 in Verbindung mit dem Umbau des 350 Jahre alten Objekts. Ungewiss ist die Dauer des Umbaus – kann vielleicht ein Jahr dauern.

Haben Sie Pläne für einen neuen Auftritt?

Nach einer vier- bis sechsmonatigen Pause werde ich noch einmal darüber nachdenken. Ich bin sicher, dass unsere Kunden nicht verloren gehen.

Was werden Sie ganz sicher vermissen?

Vermissen werde ich auf jeden Fall den heutigen Kontakt mit netten und interessanten, aber auch mit schwierigen Menschen. Eine echte Herausforderung, weil jeder absolut eine andere Einstellung verlangt.
Natürlich werde ich auch die Reisen, z.B. nach Neapel, Mailand, vermissen.

Und was nicht?

Nicht vermissen werde ich einige wenige Kunden, die mit unserem sehr strapazierten Wort „Sprezzatura“ so gar nichts anfangen können und sich noch nicht einmal auf etwas Neues einlassen wollen. Aber am wenigsten werde ich die „Gutbetuchten“ vermissen, die bei einem auf 30 Euro reduzierten Einstecktuch eine Stunde über diesen Erwerb nachdenken, dann auch noch über den Preis verhandeln wollen und anschließend mit Kreditkartte zahlen. Nein Danke.

Haben Sie ein Lieblingsgeschäft?

Ja – mein Liebligsgeschäft war (!) immer „Tie your Tie“ in Florenz. So sollte mein Laden sein: Klein, auch kleine Auswahl, aber von allem nur das Beste.

Was gefällt Ihnen hier besonders?

Besonders gefällt mir daran, wie schon gesagt, „von allem einfach nur das Beste“.

Sie gehören ja zu den Pionieren im Verkauf sehr hochwertiger italienischer Hersteller, was hat sich im Markt in den letzten Jahren geändert?

Geändert hat sich fast alles. Vor 15 Jahren fing es an, dass Männer ins Geschäft kamen mit Blue Jeans, weißem Hemd und blauem Blazer und mir verrieten, dass sie sich overstyled fühlten. Das war das Startzeichen für Männer, die Krawatte in den Müll zu werfen, das Hemd bis zur Brust zu öffnen, um sich unsagbar jung zu fühlen. Die Ergebnisse sehen Sie in jeder Fußgängerzone – aber auch die Alte Oper in Frankfurt ist davon befallen. Wenn ich in der Pause eine Runde drehe, denke ich manchmal, ich finde keinen, dem ich ein paar Strümpfe verkaufen könnte. Dies ist sicher etwas überzeichnet, aber nicht arrogant gemeint. Der Rest des Problems sind der Internet-Verkauf, die Outlets, sowie die viel zu frühen Reduzierungen in der Branche.

Angesichts einer wachsenden Funktionsjacken-Kultur in Deutschland stellt sich die Frage, ob die Eleganz schon tot ist. Wie erleben Sie den deutschen Mann im Tagesgeschäft?

Wir haben gar keine Funktionsjacken. Ich trage mal eine auf Waldspaziergängen. Für mich sieht jeder Mann mit „unserer“ Kleidung viel attraktiver und erfolgreicher aus: Wenn er morgens aus dem Haus geht, ist er bereit für diesen Tag! „Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden!“

Viele Hersteller suchen ja schon lange ihr Heil im Aufbau eigener Geschäfte. Darunter leidet natürlich auch der Einzelhandel, wie haben Sie diesem Trend erlebt?

Siehe „Tie your Tie“! Leute, die wirklich Geld ausgeben wollen, brauchen gute Verkäufer und keine angelernten Sprecher, die keine Leidenschaft versprühen. Der Top-Verkäufer mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl ist einer der wengen Vorteile, den die „Spezialisten“ in unserer Branche haben.

Sehen Sie den Online-Handel als Chance, oder eher als Bedrohung für die (wenigen) inhabergeführten Herrenausstatter in Deutschland?

Ich handele nicht online. Wie kann ein Mann im Internet Schuhe oder ein Sakko kaufen? Ich glaube, der „echte Kunde“ will sich vom Berufsstress für eine kurze Zeit entspannen, etwas Positives hören und nicht in Kleiderständern zwischen 35 verschiedenen Passformen usw. wählen. Hier kommt wieder der gute, starke, kompetente Verkäufer ins Spiel. Er fühlt den Kunden, überlegt im Gespräch, welche Karte (sprich Farbe, Ware usw.) er spielt und legt ihm DIESES EINE Teil vor. Nach Möglichkeit ohne Worte. Ich glaube, so funktioniert‘s, weil es auch immer solche Kunden (leider nicht viele!) geben wird.

Hat der hochwertige Einzelhandel jenseits der großen Labels überhaupt noch einen Zukunft?

Ja, das hat er, wenn auch nur für wenige.

Was raten Sie (den wenigen) neuen Händlern?

„Stay hungry“!

Ihr Motto?

Mit Bruce Lee sage ich: It’s not what happens that counts, it’s how you react.
Stay positive. Walk on.

Schenken Sie uns eine Weisheit?

Don’t try to be a man of success, rather try to be am man of value.

Eine Kommentar zu “Im Gespräch mit Bernd Waltemode”

  1. Great Interaction with Bernd

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