17. Mai 2010

Offline ins Abseits

by G. B.

Slow-Wear ist ja auch ein Fan-Club der wenigen kompetenten inhabergeführten Herrenausstatter in Deutschland. Wir beobachten die possierlichen Besitzer und ihre stetes Bemühen um Qualität und Service mit allergrößtem Wohlwollen. Doch wenn sich diese bedrohte Spezies vor dem endgültigen aussterben retten will, dann muss Kunden künftig mehr als Schaufensterdeko und Verkaufsraum geboten werden. Die Verkaufs- und Handelslandschaft wandelt sich und Kunden, die jünger als 60 sind, erwarten zunehmend von dem Händler Ihres Vertrauens auch eine gewisse Kompetenz in Umgang und Nutzung der „Neuen“ Medien. Merke: Schon heute werden in Deutschland 5 Milliarden Euro Umsatz mit dem Verkauf von Bekleidung im Internet gemacht – Tendenz steigend.

Während zu Beginn des Internetzeitalters das digitale Spielfeld nur von Massenmarken und deren Handelspartnern genutzt wurde, ist heute auch das schönste sartoriale Highlight über das Netz verfügbar. Shoppinplattformen wie yoox oder stylebop bieten vieles via Internet, was die geschätzten Herrenausstatter nur im Regal oder auf dem Bügel zeigen, Selbst Ebay bietet eine größere Online-Auswahl als unsere Ritter des guten Zwirns.

Erstaunlich: denn statt die ewigen gleiche Sale/Jubiläumsverkauf/Midseason-Sale Nummer abzuziehen und Kunden mit auf eindimensionale Botschaften reduzierten Mailings oder dem Anzeigenfriedhof  der “Maskulin-Gruppe” zu quälen, könnten Deutschland hochwertige Herrenausstatter ein nicht minder hochwertiges Online-Angebot für sich nutzen. Aber schon der Besuch der Homepages unserer Freunde zeigt die fehlende Kompetenz im Umgang mit der digitalen Welt. Altbackene oder hochgestylte Online-Auftritte, oft nicht aktuell, meist mit den Websites der Hersteller verlinkt und daher auch ohne individuelle Informationen zu den Produkten, verderben schnell jeglichen Wunsch die digitale Seite unserer Stilpäpste weiter zu durchdringen.

Neuerdings versucht sich der eine oder andere in sozialen Netzwerken oder – ganz modern – betreibt einen Blog. Doch leider kommt man hier nicht über platte Eigenwerbung und die nervtötende Ankündigung der x-ten Trunkshow hinaus.  Warum keine Online-Shops? Andreas Gerads vom Stilmagazin hat es mit Einstecktuch.com vorgemacht – mit wenig Aufwand entsteht ein nettes virtuelles Geschäft.

Es geht ja nicht darum, die erklärungsbedürftigen Produkte, wie Anzüge oder Jacketts, online zu verschachern – hier stehen nach wie vor der persönliche Kontakt und die Kompetenz des Verkäufers im Mittelpunkt. Vielmehr ist es ein Online-Service für die Männer, die Erfahrungen mit den Produkten haben, ihre Größe und die Passform kennen und die einfach keine Lust haben, wegen eines Finamore-Hemdes, einer Broska-Krawatte oder eines Inglese-Einstecktuchs durch Deutschland zu reisen. Ein Mausklick und schon kommt das Teil per Post – schön wär’s.

Stattdessen eröffnen die Textil-Unternehmen temporäre Outlets, zahlen Miete und Personalkosten und erzielen so eine Reichweite von gefühlten 10 Kilometern. Warum gibt es noch keine Händler-Plattform für Ausverkaufs- und Restware, die ja Deckenhoch in Lagern liegt und die wir zu jedem Schlussverkauf aufs Neue präsentiert bekommen? Ein ganzjährig nutzbares virtuelles Outlett brächte auch kontinuierlich Liquidität und erschlösse neue Zielgruppen. Nämlich die Männer, die eben nicht den regulären Preis zahlen wollen, aber an einem reduzierten Stück gefallen finden und sich vielleicht künftig dann doch zu größeren Investitionen verführen lassen.

Guckst Du nach Holland: Frans Boone macht’s mal wieder vor, ein netter Start ins Online-Zeitalter. Wir haben uns eine Finamore Polohemd bestellt und es kam schön verpackt mit freundlichen Grüßen aus Sluis. Auch der Hamburger Ausstatter Braun hat seine recht diffuse Markenwelt schon ins Netz gestellt, gut gestylt, schlecht getextet, aber sehr nutzerfreundlich und sicher auch kompetent. Das gleich gilt für Soer.

Fazit: Wenn der Online-Auftritt und auch die Einkaufsmöglichkeiten im Netz als moderne Serviceleistungen für Kunden begriffen werden – und so sehen wir das – dann sind unsere „guten“ Herrenausstatter voll im Abseits. Und das ist echt schade!

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8 Kommentare zu “Offline ins Abseits”

  1. Mein lieber Edelardo,

    wie lange musste ich warten, dass Sie das endlich mal ansprechen – viel zu lange!

    Der Einsatz einer Webseite scheint für manche ja schon eine unüberwindbare Hemmschwelle zu sein – die liebste Begründung dagegen sind übrigens die Kosten zur Erstellung der Seite und des kontinuierlichen Betriebes, Erstellung neuer Inhalte etc. (man sollte eine Webseite nicht mehr als statisches Instrument verstehen, das man mal erstellt und dann 10 Jahre so stehen lässt). Über das Argument Kosten lässt einfach sich so ziemlich alles abwimmeln, was unliebsam erscheint. Dabei gibt es jetzt schon einige Beispiele im Netz die zeigen, dass man keine 5.000 € ausgeben muss, sondern vieles auch über Kreativität, etwas Zeit und Spaß an der Sache lösen kann.

    Mein liebstes Beispiel dafür ist das hier:

    http://www.leathersoulhawaii.com/

    Die haben sicher kein Vermögen ausgegeben, sind aber ebenso sicher erfolgreich mit Ihrem Konzept wenn man den dazu kursierenden Stories glauben schenken darf. Einfacher kann der Einstieg in den E-Commerce und Kundenkommunikation kaum sein! Sicher gehört nicht jedes Produkt in einen Shop – bei einem Finamore Hemd würde ich persönlich die Grenze des online-vermittelbaren sehen. Ein hochwertiger (teurer) Anzug wird sich nicht über`s Netz verkaufen, außer Händler und Kunde kennen sich bereits – oder dem Käufer ist einfach alles egal.

    Wie heisst es so schön: Wer nicht wirbt der stirbt! Offensichtlich geht es einigen Händlern noch nicht schlecht genug, dass der Satz für Sie wieder Bedeutung bekommen hätte. Die Chance einem potenziellen Kunden Appetit zu machen wird gerne fahrlässig verschenkt. Dabei spielt keine Rolle ob der Sale gleich oder später passiert: Die gewonnen Aufmerksamkeit kann mal bares Geld wert sein. Nebenbei entstehen immer wieder neue interessante Gespräche und Beziehungen, wie ich mit meinem eigenen Shop erfahren durfte. Herr Jondral und Herr Felsenstein machen das im übrigens sehr gut wie ich finde. Ich verstehe zwar nicht alles (liegt aber an mir :) ), und die x-te Trunkshow dürfte auch gerne ein paar interessanten Bildern weichen, aber alles in allem ein gutes Paket mit Vorbildcharakter.

    Da frage ich Sie Edelardo: Um wie viele schöne Impressionen wäre das Netz reicher, wenn Diel & Diehl mal zu Kamera greifen würden und alle die vielen kleinen Accessoires zeigen würden, die im Laden zu finden sind? Was wäre ein Herr Kuckelkorn mit einem ordentlichen News-Bereich, der seine Kollektionen und Spezialitäten im Konfektionsbereich vorstellen würden? Wie viel mehr würde man M & W Mode wahrnehmen, wenn Herr Müßig seine eindrucksvolle Serie der “Extravaganzen” neu beleben würde? Solche Versäumnisse muss man sich leisten können. Da kann man es einem Großschiff wie Braun kaum verübeln, wenn es mit Kanonen auf Spatzen schießt – die Marktanteile dürften schnell verteilt sein.

    Ich würde mich freuen, wenn auf Seiten der Händler mal jemand beginnen würde das Thema zu diskutieren und voranzubringen – mir jedenfalls blutet das Herz bei so viel verschenktem Potenzial, ich denke es geht Ihnen ähnlich Edelardo. Und bevor ich es vergesse liebe Händler: Wenn Ihr die aufkommenden Chancen nicht ergreift, dann mache ich es, versprochen.

    Grüße

    AG

  2. Die Herren,
    schönes Thema!
    Grundsätzlich stimme ich zu: es ist langfristig sicher sinnvoll, wenn die guten Herrenausstatter dieses Landes (und da sind einige!!!) auch online nah am Kunde sind.
    Aber! Diejenigen die diesen Schritt bereits vollzogen haben und jetzt nicht so richtig in die Gänge kommen zeigen doch das zentrale Problem: einen netten Online-Shop aufsetzen allein tut es nicht. Meine persönliche Erfahrung zu diesem Thema zeigt, dass online ziemlich viel Zeit, Energie und auch Budget notwendig ist. -Und die haben die hier gemeinten klassischen, inhabergeführten, Geschäfte fürchte ich nicht. Ich glaube die meisten können das alleine schlichtweg nicht leisten. Also gibt es erst gar keinen Shop, oder er wird vernachlässigt. Was soll man tun?!
    Um die von Andreas Gerads angesprochene Lösung aufzugreifen: externen, evtl. zentralen online-outlet aufbauen? Finde ich gut! Ich bin dabei! ;-)
    Beste Grüße,
    JR

  3. Interessanter Beitrag. Ich denke es wird bald neue “Unternehmer” geben die besagte Lücke füllen. Die meisten Etablierten tun sich ja schon schwer die Markenportfolios mit Neuem zu füllen. Zu sehr wird an dem Vertrauten festgehalten.
    LG Grimod

  4. Fehlt im letzten Abseits nicht ein “nicht” oder meinen Sie das SO:

    Wenn der Online-Auftritt und auch die Einkaufsmöglichkeiten im Netz als moderne Serviceleistungen für Kunden begriffen werden – und so sehen wir das – dann sind unsere „guten“ Herrenausstatter voll im Abseits. Und das ist echt schade!

    Erwähnenswert fände ich auch die div. Online-Shops der Jermyn-Street – wenn auch in anderer Preisklasse. Viel niedriger,

  5. [...] Herrenausstatter und Ihre Positionierung ist übrigens gestern eine hochinteressante Diskussion bei Slow-Wear gestartet. Die These, dass auch ein lokaler Einzelhändler einen Shop oder zumindest eine [...]

  6. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Gunnar Berendson erwähnt. Gunnar Berendson sagte: Offline ins Abseits: http://tinyurl.com/38a9ahf [...]

  7. Nunja, hochwertige Kleidung ist ja nicht nur das Produkt sondern auch der Prozess des Kaufens: Interior, Beratung, die Verkaufssituation als solches gehören zum Produkt dazu. Das in einem Shop zu realisieren, ist kniffelig bis unmöglich – aber das heisst nicht, daß es hierfür keinen Markt gibt – aber Vorteile müssen klarer herausgearbeitet werden.

  8. Leider haben viele Betriebe dieser Spezies nicht mal ne art Visitenkarte im Netz stehen, sodas man nicht mal die zum Teil eigenartigen Geschäftszeiten erfährt…

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