11. Februar 2010
Fremdschämen
Heute lesen wir, dass die Automobilbranche über BMW lacht. Hintergrund: Eine Mitarbeiterin hatte sich in einer Mail an ihren Vorstand gewandt und die unpassende Bekleidung ihrer Kollegen beklagt. Jetzt fragen wir uns, was gibt es denn da zu lachen? Die traurige Bekleidungsverwahrlosung zeigt sich doch gerade auch in den Vorstandsetagen der Branche. Beispiel VW: Hier trägt man gerne ein weißes Hemd zum schlechtsitzenden Anzug. Bei Audi ein ähnliches Bild. Unser Liebling: der Marketing-Vorstand, Krawatte zum Button-Down-Hemd mit sackartigem Ärmelschnitt.
Verantwortlich für das desolate Erscheinungsbild der Manager von VW und seinen Untermarken ist Pierre Cardin (im Bild), sein Audi 100-Schnitt mit der Bicolor-Ausstattung gilt heute von Wolfsburg bis Zuffenhausen als Maßstab für die Bekleidung des Vorstands.

Das ist zum Teil auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Menschen ziehen auf der Arbeit das an, was zu Hause im Kleiderschrank hängt. Gibt es dank Kleiderordnung dann zwischen Arbeits- und Freizeitkleidung keinerlei Überschneidungen mehr, ist man unzufrieden, da man zwei Sätze Kleidung anschaffen muss.
Wenn die Kleiderordnung nun Anzug ist, muss der Durchschnittsbürger extra für die Arbeit Anzüge, Hemden, Binder, Lederschuhe, dunkle Socken vorrätig halten.
Die Unternehmen haben diesem Druck nicht stand gehalten und nach und nach ihre Bekleidungsvorschriften fallen lassen.
Der Verdruss der Mitarbeiter nahm ab und man trug jetzt auf der Arbeit auch die Freizeitkleidung von heute.
Das ist der Zustand von heute. Eine Kleiderordnung einzuführen ist schwer, sie führt zu Verdruss.
Und die heute gebräuchliche Kleidung in Unternehmen hat ja auch einen grossen Vorteil: Man benötigt im Prinzip keine Kantine mehr, da die meisten Mitarbeiter problemlos in der Bahnhofsmission eine warme Mahlzeit bekommen würden.