12. November 2009
Stilberater – schön überflüssig

Über die Gattung der „Stilberater“ haben wir uns hier ja schon häufiger ausgelassen. Bei unserer täglichen Presseschau ist uns nun ein besonders possierlicher Vertreter dieser Spezies aufgefallen: Der Schweizer Stil-Papst Clifford Lilley. Es ist für uns immer wieder interessant zu erfahren, dass es noch Männer gibt, die offenbar nicht mit den einfachsten Regeln stilistischer Existenz vertraut sind und dafür die „Der Ball ist rund“-Stil-Gemeinplätze von Stilberatern benötigen. Im Interview mit der Handelszeitung lesen wir Lilleys wenig überraschende Ausführungen zum Thema. Allerdings ist der Film „A day in the life“ auf der Homepage des Stil-Papstes ein wunderbares Dokument für die Hybris von Beratern, die Ihre Stil-Kompetenz aus der Mitwirkung bei bedeutenden intellektuellen Meilensteinen wie der RTL 2 Soap „Schwul macht cool“ ableiten.
Die Ausnahme: Bernhard Roetzel ist wirklich der einzige Stilberater, der diese Bezeichnung inhaltlich und optisch verdient.
Endlich mal wieder eine Empfehlung mit Mehrwert! Ich kannte die Damen mit dem coolen Hummer nämlich bislang gar nicht. Und über das Clifford-Wesen mag ja jeder urteilen, wie er will – eins muß man ihm lassen: Sein High-Five-Abklatscher ist formvollendet.
Lieber Blogger!
Ich kann Ihnen, auch als Schweizer, nur recht geben: Der einzige Stilberater, welcher sich ganz in seinem métier auskennt, ist Bernhard Roetzel. Der beste Beweis ist der Vergleich seines “Gentlemens” mit dem “Dresscode” von Lilley. Ein Stilberater, wie Roetzel, kennt die Bedeutung des Stils (nicht zu verwechseln mit Mode, welches eher die Berufung von Herrn Lilley ist), führt in dezent an, weiss aber auch, dass es beim Stil gerade darum geht Detailbessenheit und Gleichgültigkeit in Balance zu bringen.
Ein Stilberater, drängt nicht ins Fernsehen (man beachte die vielen unsinnigen Sendungen von Herrn Lilley), weil sich solche Manieren nicht gehören. Wo es von Bedeutung ist, sagt er seine Meinung und formuliert dabei elegant und gemäss den grammatikalischen Vorschriften (man vergleiche Herrn Roetzel mit Herrn Lilley).
Man sieht, dass es beim Stilberater (einer Berufsbezeichnung, die der Ausübende niemals in den Mund nehmen würde) um mehr geht, als um Kleidung: Stil ist der Ausdruck eines Lebensgefühls und das Streben nach Perfektion.
In jeder Sache also die Frage nach dem Innersten selbst…
In der Tat eine recht sinnlose Beschäftigung, aber es scheint wie so oft im Leben: Jedes (noch so unnötige) Angebot schafft sich seine Nachfrage.
Ich habe durchaus einen Stilberater, der ist angewachsen und vernetzt. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht und Eindrücke speichert, findet sehr schnell seinen Stil. Ich habe bestimmt nichts erfunden oder gar Trends gesetzt. Aber es gibt viel Schönes zu entdecken. Das für sich zu vereinnahmen finde ich – allzu plumpe Kopien zählen nicht – durchaus ausreichend.
Ein externer Stilberater, wie kann das denn gehen? Stil ist doch eine persönliche Note in all der Uniformität. Und die kommt von innen. Sonst sehen wir alle aus wie der Verteidigungsminister, der immer den Eindruck erweckt, gerade aus einem Herrenausstatter mit Komplettversorgung gestoplert zu sein.
Herr Roetzel ist sicher ein guter Ratgeber in Sachen Geschichte, Material, Form. Aber einen Stil gibt er auch nicht. Will er bestimmt auch nicht.