10. August 2009
Völker, hört die Sandale

Früher fand ein Ausflug in die Stadt immer in entsprechender Bekleidung statt. Mit der Erfindung der Trekking-Bekleidung ist dieser schöne Volksbrauch leider verschwunden. Wir sehen heute in europäischen Großstädten Horden unterbekleiderter Menschen in Funktionsbekleidung, die meist aus einem kariertem Kurzarmhemd einer beigen 3/4-Cargohose mit Gummizug am Bein und den obligatorischen Trekkingsandalen besteht. Garniert wird das Ganze mit einer praktischen Bauchtasche oder einem Rucksack, der selbst Tenzing Norgay, den Sherpa von Sir Edmund Hillary, vor Ehrfurcht erstarren ließe. Und so stapfen die Funktionalbekleideten durch unsere Museen, trampeln durch unsere schönen Einkaufsstraßen, halten ihre Rucksäcke in U-Bahnen in unsere empörten Gesichter und sitzen wie erschöpfte Wandersleut in unseren Cafes.
Ich habe wirklich großes Verständnis für jeden Extrembergsteiger, der in dieser Bekleidung den Kangchenjunga bezwingen will, aber dürfen diese Goretex-Jünger wirklich unsere europäischen Bekleidungsnormen mit ihren schlechten Sandalen treten? Reicht es nicht, das jedes Jahr Legionen kurzbehoster und Flip-Flop-Beschuhter Amerikaner durch Europa marodieren, müssen jetzt auch Europäer aussehen wie aufgestylte Alm Öhis? Wikipedia schreibt zum Thema „Trekking“: Die Motivation liegt meist im intensiven Erlebnis unverfälschter Natur oder noch weitgehend ursprünglicher Kulturen abseits der Zivilisation. Schön wär’s, wir sehen heute unverfälschte Körper in minderer Bekleidung, die unsere mühsam errungenen zivilisatorischen Bekleidungs-Fortschritte in einen ästhetischen Volkswandertag verwandeln.
Ich fordere ein komplettes Einreisverbot dieser Wandervögel in unsere Großstädte. Geht im Wald spazieren oder zieht euch vernünftig an!
Euer Edelardo
Schlagwörter: Trekking
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Der Wahn der Jugend- und Freizeitkultur ist nur einer der hässlichen Spielgesellen des Werteverfalls. In Goretex und Funktionskleid erfährt der entmündigte Bürger die Sicherheit seiner Wehrhaftigkeit. Ist das Freiheit?
Im Wald möchte ich diese Bekleidungsvariante eigentlich auch nicht sehen.
Dennoch, die philosophische Dimension an diesem Phänomen ist die Erkenntnis, dass das Volk durchaus Mühe aufwendet, sich (seiner Meinung nach) “richtig” zu kleiden, also letztendlich dem zu folgen, was man für modisch korrekt hält. Für die Masse ist das eben die Sandale, die Dreiviertelhose, und, ganz wichtig, das über der Hose getragene Hemd. Würde es gelingen, dem Volk guten Geschmack beizubringen — dann sähe es doch gar nicht so schlecht aus.
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