6. Februar 2016

Ausgelacht – Der Herrenwitz ist nicht mehr zeitgemäß

by G. B.

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Der Herrenwitz droht zum Opfer allgemeiner Spaßbefreiung und der Unlust am möglicherweise Inkorrekten zu werden. Hatte noch Rainer Brüderle mit einer Bemerkung zum Thema Dekolleté für einen Aufschrei der moralisch Berechtigten gesorgt, ist diese Form des Humors mittlerweile fast in der Versenkung verschwunden. Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Helmut Schleich haben ihr Möglichstes getan, sind aber ebenso wie der Herrenwitz heute ein Randmotiv des schrumpfenden humoristischen Universums.

Der Witz hat Herkunft und Geschichte – die älteste Witzsammlung wurde im fünften Jahrhundert in griechischer Sprache unter dem Titel „Der Lachfreund“ verfasst und liefert 265 Scherze. „Ende des 17. Jahrhunderts bedeute witzig so viel wie geistreich und bezeichnete insbesondere die schnelle Gedankenverbindung, die intellektuelle Kombination oder die geistige Beweglichkeit. Von der Wortherkunft war der Witz ein heller, lebendiger Verstand („Mutterwitz“). Erst im 19. Jahrhundert wurde es üblich, das Wort in erster Linie auf die Produkte witziger Äußerungen zu beziehen und in diesem Sinne von einem Witz zu sprechen“, erklärt uns Wikipedia.

Kant, Schopenhauer, Freud haben über Witze viel geschrieben und analysiert – heute ist der Witz oft in der Verkleidung als Kalauer nur die Tagesarbeit dümmlicher Comedians. Der Herrenwitz, einst geistreicher oder -loser, zynischer, böser und oft derber Beitrag zur Entspannung komplizierter Situationen, einer weinseeligen Runde oder einfach nur banaler Angriff gegen einschläfernde Gespräche ist heute eigentlich nicht mehr tragbar. Herren sind auch beim Witzerzählen konventionell an Regeln gebunden, die einen Herrenwitz (also ein Witz unter Herren) schnell im Licht der sexuellen Belästigung funkeln lassen. Die Natur des Witzes ist nunmal der inkorrekte Inhalt, er kann, aber muss nicht dümmliche Frauenbilder reproduzieren und auch nicht platt kalauern – und so zeichnet sich guter Geschmack beim Witzerzählen sowohl in der Auswahl der Zoten als auch der Zuhörer aus.

Aber das ist offenbar zu mühsam oder gefährlich und so erfolgt heute – wo früher in einer Runde mal ein schneller Witz klug und pointiert vorgetragen wurde – meist eine Art gespielte Powerpointpräsentation, die sich häufig um berufliches, sportliche Herausforderungen, Bartpflege, Weinkennerschaft, handrollierte Einstecktücher oder Superfoods dreht. Gelacht wird seltener, der Ernst der Lage hat alle gleichermaßen erfasst und befreiender Blödsinn in Witzform scheint der Situation nicht mehr angemessen. Nicht mißverstehen: Dauerwitzerzähler sind die absoluten Obertrottel, ein im situativen Kontext gut plazierter Witz aber immer ein Zeichen eines noch wachen Geistes. Und: Ein Witz ist kein Ersatz für Humor.

23. Januar 2016

Galerie Anita Beckers – Wiederholung in der Kunst

by G. B.

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Die Frankfurter Galeristin Anita Beckers, die seit vielen Jahren – national wie international – durch kluge und interessante Ausstellungen einen hervorragenden Beitrag zur Kunstvermittlung leistet, beginnt mit „Fortsetzung folgt – to be continued“ einen Ausstellungszyklus zum Thema der Wiederholung in der Kunst. Ziel der Ausstellung ist eine sinnliche Begegnung von Kunstwerken aus unterschiedlichen Epochen herzustellen, deren Methodik ähnlichen Prinzipien folgt, letztendlich aber in ganz unterschiedlichen Bildfindungen endet.

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In der Geschichte und Gegenwart der Kunst greifen Künstler immer wieder medien- und genre-über-greifend das Prinzip der Wiederholung auf. Gerade in unserer bildüberfluteten Welt möchte Anita Beckers mit dem Ausstellungszyklus eine Spannung aus der Gegenüberstellung und der Umsetzungsweise der künstlerischen Konzepte zu beziehen. Den Anfang der Reihe machen Werke von William Anastasi (1933/USA), Christiane Feser (1977/D), Norbert Frensch (1960/D) und Adolf Luther (1912-1990/D).

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Seit September 2015 verbindet Anita Beckers und Frank Landau eine enge Kooperation in der gemeinsamen Galerie in der Frankfurter Innenstadt. Im Rahmen ihrer Zusammenarbeit in den Räumen an der Frankfurter Kunstmeile Braubachstraße bereichern Beckers und Landau die Kunst- und Designszene in der Region mit neuen Impulsen. Abwechselnd – und auch gemeinsam – zeigen die beiden Ausstellungsprojekte von der Avantgarde über zeitgenössische Kunst, Videokunst bis hin zu Design.

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Wir sind froh, dass sich Lilian Fock und die Sartoria Colazzo wieder in diesem anregenden Umfeld präsentieren dürfen.

18. Januar 2016

Lilian Fock Hemden und Sartoria Colazzo am 29. und 30. Januar in Frankfurt

by G. B.

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Die Produkte der Sartoria Colazzo sind unseren Lesern ja mittlerweile bekannt. Und auch über Hemden ist vieles, wenn nicht sogar alles gesagt und geschrieben worden. Trotzdem wollen wir an dieser Stelle unsere Erfahrungen und ein wenig Expertenwissen zu den Hemden von Lilian Fock vortragen. Denn Frau Fock wird ab der nächsten Veranstaltung am 29. und 30. Januar ihre Hemden exklusiv den Lesern und Freunden von Slow-Wear anbieten.

Wir haben uns zahlreiche Hemdenmacher angeschaut, ist ja nicht so, dass es in Deutschland keine guten Hemden zu erwerben gäbe. Aber der Anspruch von Lilian Fock (der auch durch Testhemden, die wir seit einigen Monaten im täglichen Gebrauch haben, untermauert wird) passt hervorragend zu unserer Auffassung von Paßform, Qualität und Preisgestaltung.

Lilian Fock wird in Deutschland nur Hemden auf Maß anbieten, bei den Stoffen (das Angebot ist ja insgesamt riesig) haben wir uns gemeinsam zum Start für die Erzeugnisse der traditionsreichen italienischen Weberei Sictess entschlossen. Eine umfangreiche Stoffauswahl steht in Frankfurt zur Besichtigung bereit. Lilian Fock berechnet für ein maßgefertigtes Hemd 260,00 Euro.

Dafür wird neben hochwertigsten Stoffen vor allem eine detailreiche und qualitativ nach unseren Erfahrungen beispiellose Handarbeit geboten. Ein Schneider und sechs Näherinnen sorgen in Neapel für die Ausführung. Im Detail bedeutet das: Um dem exakten Verlauf des Stoffes zu folgen, wird jedes Hemd von Hand zugeschnitten und vom ersten bis zum letzten Arbeitsgang von einer einzigen Schneiderin genäht. Für jedes Hemd beträgt der Arbeitsaufwand rund sechs Stunden bis zu seiner Fertigstellung. Und so ist auch die Kapazität für die Herstellung der Lilian Fock Hemden beschränkt, weniger als 2000 Hemden werden jährlich für Männer in der ganzen Welt gefertigt.

Die Passform (neben den individuell gewonnen Maßen) wird durch die im Übergang zwischen Ärmel und Seitennaht versetzte Naht erheblich verbessert. Denn sie sorgt für einen perfekten Sitz , die unschönen Falten in Brusthöhe verhindert. Diese aufwendige Technik wird sonst nur in der schneidermässigen  Herstellung von Jacketts genutzt. Bei Lilian Fock Hemden sind auch die Ärmel von Hand angenäht, was die Nähte außergewöhnlich weich und anschmiegsam macht – zusätzlicher Tragkomfort für den Besitzer.

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Auch die Kragen werden von Hand eingenäht, so erhält der Kragen eine saubere und elegante Passform, ohne „brettig“ zu sein. Zu einem deutlichen Plus an Komfort führt auch die ebenfalls von der Schneiderin händisch angenähte Schulterpasse. Die “FARFALLA” – das kleine Dreieck welches den Vorder- und Rückenteil des Hemdes verbindet – ist ebenfalls von Hand eingenäht und wird jeweils auf dem Stoff des Hemdes angefertigt. Der “TRAVETTO” schützt die Ärmelpatte und innere Brustpasse vor dem einreißen. Ein kleines, aber sehr feines und nützliches Detail.

Die Knopflöcher sind natürlich von Hand genäht, Knöpfe sind aus echtem australischem Perlmutt gesägt und werden mit dem Lilienstich “Giglio” angenäht. Diese Technik entstammt der alten neapolitanischen Schneidertradition und kann nur von erfahrenen Schneiderinnen angewendet werden – von Maschinen, die Handarbeit imitieren sollen, schon gar nicht. Der “CANONCINO“, die Knopfleiste (die in einem “Travetto” endet), ist ebenfalls weich (von Hand) vernäht und sorgt auch im Sitzen für beste Passform des Hemdes. Die Nähte sind mit 8/10 Stichen pro cm “alla inglese” gefertigt. Auch hier gilt: Je feiner die Seitennaht, desto hochwertiger ist das Hemd.

Wer Interesse an den Hemden hat und am 29. oder 30. Januar vor Ort in Frankfurt einen Blick oder eine Bestellung platzieren möchte, meldet sich bitte bei gb (at) slow-wear.de

 

 

14. Januar 2016

Pitti Uomo – un ballo in maschera

by G. B.

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Nach einem Besuch bei Lilian Fock in Nardò und den Colazzos in Martano sowie einem Ausflug zu einem Weber und einem Krawattenhersteller in Apulien haben wir auf der Heimreise die internationale Leitmesse für Herrenmode besucht. Auf die geckenhafte und alberne Kostümierung vieler Messebesucher einzugehen, wollen wir uns verkneifen. Inwiefern ein sartoriales Dschungelkamp aber nützlich für die restlichen Besucher ist, bleibt das Geheimnis der Sprezzaturakasper und ihren willigen Selfie-Fans. Wir halten es aber für wenig hilfreich sich Selbstdarstellern in Stilfragen anzuvertrauen. Davon unbeeindruckt in die Hallen geschaut und keinerlei positive Überraschungen gesehen.

Vielmehr fährt dem nüchternen Besucher angesichts der ideen- und belanglosen Präsentation der Warenwelt eher ein Schreck in die Glieder. Seit der Erfindung der Kleiderpuppe scheint hier niemand mehr über interessante Präsentationsformen nachgedacht zu haben. Ausnahmen waren der Schuhmacher Carmina (im Design der eigenen Geschäfte) und Stoffproduzent Harris Tweed (mit klarer Bildersprache auf großformatigen Fotos).

Auffallend ist auch der allseits wachsende Trend zum „Total Look“, was soviel bedeutet wie „ich mache jetzt alles.“ Wir sahen Hemdenmacher mit Kollektionen von Pullovern, Anzügen, Krawatten ja sogar Lederaccessoires. Der Krawattenspezialist Marinella macht in Jeans und andere selbsternannte „Luxus“-Marken machen ja schon länger ohne erkennbare Kernkompetenz alles.

Die Verbreiterung eines Sortimentes hat immer rein wirtschaftliche Gründe, wie die erfolgreiche Operation des Sportwagenherstellers Porsche zeigt. Ausgehend von der Kernkompetenz Sportwagen wurde der Markenkompetenz in andere Fahrzeugklassen transportiert. Das mag eingefleischte 911er Fans erzürnen, war aber wirtschaftlich erfolgreich. Wir verstehen allerdings nicht, welcher Markenkern von einer Krawatte in die Jeans transportiert werden soll. Und vermuten, dass sich auch der Hersteller darüber keine Gedanken gemacht hat.

Es ist ja bei Trends in deren weiteren Verlauf oft die Folge, dass man etwas tut, weil es andere auch tun. Meist ohne dabei einen eigenen Sinn und Nutzen zu gewinnen. Für uns geht hier Ideenlosigkeit in Angebot und Präsentation eine unheilige Allianz mit dem wirtschaftlichen „Konzept“ ein. Eines scheint klar: Das Total Look Konzept ist auch nicht mehr auf den Fachhandel zugeschnitten und angewiesen, sondern baut auf Single-Brand-Stores oder Shop-in-Shop-Systeme. Keine schöne Aussicht.

Nach der Flucht aus dem süßlichen Gemisch vermeintlicher stilistischer Weltherrschaft hilft ein Besuch der architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt am Arno und läßt diesen Vormittag im sanften Nebel der Bedeutungslosigkeit versinken.

 

24. Dezember 2015

Im Gespräch mit Bernd Waltemode

by G. B.

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Bernd Waltemode gehört mit seinem gleichnamigen Geschäft im hessischen Bensheim seit Jahren zur ersten Liga der Herrenausstatter in Deutschland. Nach 25 Jahren schließt der 66jährige im Dezember sein Geschäft.

Herr Waltemode, warum schließen Sie ihr schönes Geschäft?

Der Hauptgrund ist tatsächlich das Auslaufen meines Mietvertrages nach 25 Jahren zum 31.12.2015 in Verbindung mit dem Umbau des 350 Jahre alten Objekts. Ungewiss ist die Dauer des Umbaus – kann vielleicht ein Jahr dauern.

Haben Sie Pläne für einen neuen Auftritt?

Nach einer vier- bis sechsmonatigen Pause werde ich noch einmal darüber nachdenken. Ich bin sicher, dass unsere Kunden nicht verloren gehen.

Was werden Sie ganz sicher vermissen?

Vermissen werde ich auf jeden Fall den heutigen Kontakt mit netten und interessanten, aber auch mit schwierigen Menschen. Eine echte Herausforderung, weil jeder absolut eine andere Einstellung verlangt.
Natürlich werde ich auch die Reisen, z.B. nach Neapel, Mailand, vermissen.

Und was nicht?

Nicht vermissen werde ich einige wenige Kunden, die mit unserem sehr strapazierten Wort „Sprezzatura“ so gar nichts anfangen können und sich noch nicht einmal auf etwas Neues einlassen wollen. Aber am wenigsten werde ich die „Gutbetuchten“ vermissen, die bei einem auf 30 Euro reduzierten Einstecktuch eine Stunde über diesen Erwerb nachdenken, dann auch noch über den Preis verhandeln wollen und anschließend mit Kreditkartte zahlen. Nein Danke.

Haben Sie ein Lieblingsgeschäft?

Ja – mein Liebligsgeschäft war (!) immer „Tie your Tie“ in Florenz. So sollte mein Laden sein: Klein, auch kleine Auswahl, aber von allem nur das Beste.

Was gefällt Ihnen hier besonders?

Besonders gefällt mir daran, wie schon gesagt, „von allem einfach nur das Beste“.

Sie gehören ja zu den Pionieren im Verkauf sehr hochwertiger italienischer Hersteller, was hat sich im Markt in den letzten Jahren geändert?

Geändert hat sich fast alles. Vor 15 Jahren fing es an, dass Männer ins Geschäft kamen mit Blue Jeans, weißem Hemd und blauem Blazer und mir verrieten, dass sie sich overstyled fühlten. Das war das Startzeichen für Männer, die Krawatte in den Müll zu werfen, das Hemd bis zur Brust zu öffnen, um sich unsagbar jung zu fühlen. Die Ergebnisse sehen Sie in jeder Fußgängerzone – aber auch die Alte Oper in Frankfurt ist davon befallen. Wenn ich in der Pause eine Runde drehe, denke ich manchmal, ich finde keinen, dem ich ein paar Strümpfe verkaufen könnte. Dies ist sicher etwas überzeichnet, aber nicht arrogant gemeint. Der Rest des Problems sind der Internet-Verkauf, die Outlets, sowie die viel zu frühen Reduzierungen in der Branche.

Angesichts einer wachsenden Funktionsjacken-Kultur in Deutschland stellt sich die Frage, ob die Eleganz schon tot ist. Wie erleben Sie den deutschen Mann im Tagesgeschäft?

Wir haben gar keine Funktionsjacken. Ich trage mal eine auf Waldspaziergängen. Für mich sieht jeder Mann mit „unserer“ Kleidung viel attraktiver und erfolgreicher aus: Wenn er morgens aus dem Haus geht, ist er bereit für diesen Tag! „Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden!“

Viele Hersteller suchen ja schon lange ihr Heil im Aufbau eigener Geschäfte. Darunter leidet natürlich auch der Einzelhandel, wie haben Sie diesem Trend erlebt?

Siehe „Tie your Tie“! Leute, die wirklich Geld ausgeben wollen, brauchen gute Verkäufer und keine angelernten Sprecher, die keine Leidenschaft versprühen. Der Top-Verkäufer mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl ist einer der wengen Vorteile, den die „Spezialisten“ in unserer Branche haben.

Sehen Sie den Online-Handel als Chance, oder eher als Bedrohung für die (wenigen) inhabergeführten Herrenausstatter in Deutschland?

Ich handele nicht online. Wie kann ein Mann im Internet Schuhe oder ein Sakko kaufen? Ich glaube, der „echte Kunde“ will sich vom Berufsstress für eine kurze Zeit entspannen, etwas Positives hören und nicht in Kleiderständern zwischen 35 verschiedenen Passformen usw. wählen. Hier kommt wieder der gute, starke, kompetente Verkäufer ins Spiel. Er fühlt den Kunden, überlegt im Gespräch, welche Karte (sprich Farbe, Ware usw.) er spielt und legt ihm DIESES EINE Teil vor. Nach Möglichkeit ohne Worte. Ich glaube, so funktioniert‘s, weil es auch immer solche Kunden (leider nicht viele!) geben wird.

Hat der hochwertige Einzelhandel jenseits der großen Labels überhaupt noch einen Zukunft?

Ja, das hat er, wenn auch nur für wenige.

Was raten Sie (den wenigen) neuen Händlern?

„Stay hungry“!

Ihr Motto?

Mit Bruce Lee sage ich: It’s not what happens that counts, it’s how you react.
Stay positive. Walk on.

Schenken Sie uns eine Weisheit?

Don’t try to be a man of success, rather try to be am man of value.

16. Dezember 2015

Eleganz verachtet nicht, sie bedauert. In einer Welt der Eitelkeit und Grobheit ist sie das Gegengift

by G. B.

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Über Eleganz wird viel geredet, ihr Fehlen wird häufig beklagt und ihre mißbräuchliche Verwendung als Attribut für allerlei Banales ist Legende. Eleganz hat nach unserer Meinung nichts mit Mode oder Bekleidung zu tun, sie manifestiert sich in vielfälltiger Ausprägung und ist vor allem eines: Eine Einstellung oder Haltung, wie Fritz J. Raddatz es schon 1997 in der Zeit formulierte. Diesen Beitrag, der nichts von seiner Bedeutung verloren hat, möchten wir gerne noch einmal in Erinnerung rufen.

Die besondere Haltung

Was ist Eleganz? Ein Begriff wird erkundet

Von Fritz J. Raddatz

Elegant? Gibt es das überhaupt? Ist es ein passé défini? Darf man das sagen, kann man es sein? Das Wort ist wohl unbegriffen, so geschändet wie die Mona Lisa unbetrachtet, im Blitzlichtgewitter vergewaltigt.
Eleganz ist Haltung. Gern verwechselt mit Attitüde, Allüre gar. Doch weder das monogrammbestickte Oberhemd ist elegant, noch ist es die Krokotasche. noch sind es die Dünnlippigkeiten Oscar Wildes; dessen fein gezwirnte Sottisen – „Wären die Armen nur nicht so häßlich, dann wäre das Problem der Armut leicht gelöst“ – zumeist nur dumm sind. Dieses angeleckte Kamelhaar geht durch jedes Nadelohr – doch ist es das einer Stopfnadel, das Gewebe bleibt durchsichtig. Zumal er derlei mit einer recht widerwärtigen Klassensexualität löste – waren es doch fast immer Zeitungsburschen, Kellner oder Marktjungen, die er mit seinen silbernen Zigarettenetuis entlohnte. Oscar Wilde war ein Snob. Ein Dandy war er nicht.

Vielleicht hilft der Unterschied dieser beiden Titel beim Klären des Begriffs. Der Snob arbeitet – oft leicht schwitzend – am Ausstaffieren seines Ego: Ob die weiße Nelke im Knopfloch des „Dorian Gray“- Verfassers oder der maßgeschneiderte Proletarieranzug des „Dreigroschenoper“-Autors: Inszenierung. Aribert Wäschers berühmtes „Herr Brecht, wo lassen Sie arbeiten?“ ließ den Stückeschreiber ziemlich nackt auf der Premierenfeier stehen. Der Dandy verbirgt – gelegentlich: dekoriert – eine Verletzung. Man sagt, er suche sie gar. Baudelaires rüde Ausfälle, Rimbauds nur scheinbar zierliche, tatsächlich entsetzliche Selbstaggressionen, Genets schwarze Pfützen. in die er hohnvoll wie schmerzlich sein Konterfei wie das der Welt projizierte: spiegelnde Schreckensbilder des Dandys. Genets „Sie haben wohl Angst vor mir?“, als wir in einem dunklen Park spazierengingen und ich meinen Schritt beschleunigte, war selbstironisch elegant.

Es ist immer eine Beziehung zum Außen, zur Welt; es ist keine geschminkte Ich-Feier. Es ist, wie Heinrich Heine erkannte, jene Verletzung, ohne die eine Auster keine Perle produziert. Bei ihm wurde es Kunst: „Ich hab‘ mit demTod in der eignen Brust / Den sterbenden Fechter gespielet.“

Als Sinnbild des Dandys gilt gemeinhin der heilige Sebastian – ein Bildband mit Darstellungen von ihm, mal kokett, mal siegreich, mal entmutigt. Oft die Pfeile und Wunden fast genießend, böte die Varianten dieser Existenz: Rache kann darin sein, Demut, Vergebung. Zweifel und Hochmut. Der Geck wirbelt ein gedrechseltes Stöckchen. Der Dandy trägt eine Wunde. Der eine bewegt sich in der Society. Der andere hadert mit der Gesellschaft. Zu ihr hat Eleganz immer einen Bezug – attackierend oder verzagend.

Adolf Muschg hat das in einem kleinen Essay glorios analysiert. in dem er sagt: „Der heilige Sebastian war schon Gustav Aschenbachs Patron der Kunst-Disziplin. Das Spiel als Tarnung eines enttäuschten und verletzten Gefühls wiederholt stilistisch diesen Verrat: „Es ist die Methode des Dandys. Was er inszeniert, muß Spitze sein, um wehzutun. Aber um seinen Triumph zu vollenden, darf sein Stil keinen Schmerz verraten. Genauer: NUR verraten darf er ihn … Andere schreien, wenn sie Hunger haben. Der Dandy verwandelt sich in ein Gericht und serviert sein Menschenfleisch als Delikatesse mit Hautgout.“ Die nackte Haut als Luxus.

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26. November 2015

Sieben auf einen Streich – Fragen an Lilian Fock

by G. B.

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Stilikone: Prinz Michael of Kent, Charles Schumann, Daniel Craig, Diego Della Valle, Pharell Williams

Anzüge sind … ein wichtiger Bestandteil der männlichen Garderobe.

Lieblingsaccessoire: Manschettenknöpfe.

Männer brauchen ….

feine Unterwäsche,

knielange Strümpfe,

Stoff-Taschentücher,

mindestens sechs weiße Hemden,

eine schwarze Krawatte.

Ich kaufe gerne … Schuhe, Handtaschen, Vintage-Kleidung, Bücher, Blumen, Wein.

Deutsche Männer sind … stil- und modebewusster als vor einigen Jahren.

Frauen sollten … es verstehen, sich dem Anlaß entsprechend zu kleiden.

 

Lilian Fock lebt und arbeitet in Nardò (Apulien). Die Designerin hat sich nach einer erfolgreichen Karriere in der Industrie seit vielen Jahren auf handgefertigte Produkte für Männer spezialisiert. Ihre Hemden sind auch in Zeiten des Internets ein Geheimtipp und nicht immer und überall verfügbar. Die Hemden werden von erfahrenen Schneiderinnen in Neapel nach den von Lilian Fock entwickelten Schnitten – rund sechs Stunden dauert die Produktion eines Hemdes – per Hand genäht. Ab 2016 wird Lilian Fock ihre Hemden bei den Slow-Wear Trunkshows vorstellen.

13. November 2015

Piloten ist nichts verboten

by G. B.

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Gesehen in München bei Ralf’s Fine Garments: Original englische Seidenschals für Piloten. Auf den Dachbodenfunden aus den Zeiten des kalten Kriegs befinden sich aufgedruckte Landkarten, mit denen sich die Flieger der RAF nach einem Absturz zurechtfinden sollten. Quasi ein modisch-tragbares Google-Maps der vordigitalen Zeit. Noch wenige Stücke vorrätig, seltene Gelegenheit, ein textiles Stück Zeitgeschichte zu erwerben.

11. November 2015

Julius Seyler – der mit dem Pinsel tanzt

by G. B.

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„Farben. Kunst. Indianer. Der Münchner Impressionist Julius Seyler bei den Blackfeet“ unter diesem Titel zeigt das Museum Fünf Kontinente in der bayerischen Landeshauptstadt ab 13. November 2015 eine sehr sehenswerte Sonderausstellung.

Der Münchner Impressionist Julius Seyler (1873–1955) ist einer der bedeutendsten Indianermaler, die Jahre 1913 und 1914 verbrachte er in Wisconsin bei den Blackfeet‐Indianern. Die dort entstandenen Skizzen und Bilder zeigen Portraits, Reiterkrieger, typische Prärie‐ und Plainslandschaften oder Büffeljagden.

Der Bayer Julius Seyler in der Tracht der Blackfeet Indianer

Der Bayer Julius Seyler in der Tracht der Blackfeet Indianer

Allerdings spiegeln diese vermeintlichen Momentaufnahmen nicht immer die ganze Wahrheit: Denn Seyler idealisierte das Leben der Blackfeet, die zu seiner Zeit längst in Reservaten lebten. Zum Modellsitzen im Malatelier mussten sie erst ihre „traditionelle indianische“ Kleidung anlegen. Dennoch zeigen Seylers Bilder das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Blackfeet auf besondere Weise. Seine zeitweilig an japanische Kalligraphie erinnernde Technik lässt Figuren und Landschaften lebendig werden und wird so der ruhelosen Lebensweise der ehemals durch große Weiten ziehenden Plains‐Indianer gerecht.

Julius_SeylerSeyler, der während des zweiten Weltkriegs in Hirschau am Chiemsee lebte und arbeitete, war auch als Persönlichkeit ziemlich einzigartig. Der erfolgreiche Sportler, der schon als Kind auf dem Kleinhesseloher See trainiert hat, gewann internationale Wettbewerbe im Eisschnellauf.

Zudem war er ein musisches Allroundtalent, spielte Klavier, Gitarre und Mundharmonika. Während seiner Gymnasialzeit fiel Seyler durch Lehrer‐Karikaturen auf. „Mein Zeichenlehrer war nicht sehr erbaut über meine Freiübungen. Aber er nahms mehr mit Humor und begriff vielleicht im Stillen, dass mir die faden Gipsköpfe bald zu langweilig waren“, schriebt er in einem Brief. Nach dem Abitur soll er die Offizierslaufbahn einschlagen, flieht jedoch aus der Kadettenanstalt und beschließt Maler zu werden.

 

Die Ausstellung im Museum Fünf Kontinente kombiniert Gemälde von Julius Seyler mit von ihm aufgenommenen Fotografien und indianischen Objekten aus den Beständen der Nordamerika‐Sammlung des Museums. Leihgaben aus bedeutenden privaten und öffentlichen Sammlungen ergänzen die Präsentation. Eine neue Filmdokumentation zu Leben und Werk Julius Seylers ist ebenfalls integriert. Ein Indianer‐Tipi zum Erkunden rundet die Präsentation ab und macht großen und kleinen Großstadt-Indianern Freude.

18. Oktober 2015

Im Gespräch mit Wolfgang Jarnach

by G. B.

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Die Marke w’lfg’ng steht für funktionale Outdoor Bekleidung mit einem Schwerpunkt auf Jacken aus traditionellen und technischen Performance-Stoffen, sowie Daunenjacken. Wolfgang (w’lfg’ng) ist ein typisch deutscher Name und nicht in andere Sprachen zu übersetzen. Für die Marke wurde er gewählt, um damit Verwurzlung und Inspiration durch die Heimat im Voralpenland zu unterstreichen und diese einem internationalen Publikum zu präsentieren. Hinter der Marke stehen neben Designer Wolfgang Jarnach seine Frau, sein Bruder und sein Onkel, der sich seit über 20 Jahren um die Produktion von hochwertiger Bekleidung in Fernost kümmert.

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Wie sind Sie zur Mode gekommen?

Da ich keine Stelle für eine Schneiderausbildung bekommen konnte, habe ich begonnen in München Modedesign zu studieren. Nach meinem Diplom wurde ich nach London eingeladen, wo ich beim Chef-Designer von Timberland meinen Master an der Kingston University absolvierte. London hat mich so sehr fasziniert, dass ich dort blieb um für Bands wie Florence and the Machine oder The XX die Tour-Outfits zu entwerfen. Zurück in der Heimat widme ich mich jetzt den Outdoor Jacken.

Was fasziniert Sie an der Branche?

An der Branche selbst fasziniert mich nichts. Aber das Produkt ist interessant. Bekleidung betrifft jeden, auch wenn man nicht modeinteressiert ist – wir alle beschäftigen uns jeden Tag damit. Sie schützt uns vor Kälte, Witterung und fremden Blicken. Außerdem drückt sie viel über uns aus, weil wir sie selbst und frei wählen. Auch die Tatsache, dass alle mit dem Blick in die Vergangenheit versuchen ständig neues zu schaffen und bestehende Dinge fortwährend zu verbessern, finde ich bemerkenswert.

Was inspiriert Sie?

Meine Umgebung; das sind Dinge des alltäglichen Lebens und vor allem Personen denen ich begegne und die Gespräche die ich mit ihnen führe.

 Was wollen Sie anders oder gar besser machen?

Wenn ich das heute wüsste, würde ich es morgen umsetzen und dann könnte ich übermorgen aufhören. Das will ich aber nicht.

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Was zeichnet Ihre Kollektion aus?

Wir versuchen Dinge zu machen, die man gerne anzieht, weil man sich darin wohl fühlt. Dinge, die einen warm halten und vor dem Wetter schützen, aber nicht wie Sport-Bekleidung aussehen. Wir wollen, dass der Träger vernünftig gekleidet ist, aber dabei nicht auf die Funktion verzichten muss. Im Grunde ist es die Stadtjacke mit den Anforderungen an Bergbekleidung.

Warum gerade Outerwear?

Wir haben einen jagdlich ausgebildeten Hund und ich liebe es mit ihm im Regen draußen zu sein. Ich bin fasziniert von dem was die Natur uns bietet. Bei uns gibt es echte Jahreszeiten, die alle ihren Reiz haben. Es ist toll im Sommer im See baden zu können und im windigen Herbst durch das Laub zu stapfen. Der Schnee im Winter bringt ein neues Bild, dann bin ich in den Bergen. Wenn man viel draußen ist, beschäftigt man sich damit was man dabei anziehen möchte.

 Jenseits der Woolrich und Monclair Produkte, die ihre Träger meist wie adipöse Mumien aussehen lassen, gibt es sicher einen Markt für elegante und funktionale Bekleidung. Wie wollen Sie gegen die hier operierenden Global-Brands erfolgreich existieren?

Ich glaube nicht, dass wir gegen sie existieren müssen. Sie existieren und wir eben auch. Vielleicht sind es andere Kunden, vielleicht sind es andere Materialien und Formen. Eigentlich versuchen wir nur ein Produkt zu entwerfen, dass wir selbst gerne tragen und hoffen, dass es andere eben auch tun.

 Welche Ideen und Konzepte liegen Ihren Entwürfen zugrunde?

Die aktuelle Kollektion ist nach einer Amerikareise entstanden, als wir in New Mexico eine Kunst Installation von Walter de Maria besucht haben. Das so genannte Lightning Field befindet sich auf einer Hochebene irgendwo in der Steppe von New Mexico. Es darf nur von maximal sechs Personen gleichzeitig besucht werden, die gemeinsam in einer Blockhütte übernachten. Morgens beim Sonnenaufgang, wenn man bis zum Horizont nichts anderes als hunderte von reflektierenden Stäben sieht, bekommt man ein neues Gefühl für Raum und Distanz. Wir haben zwei Nächte und einen gesamten Tag dort verbracht. Auch wenn die Mittagshitze so unerträglich ist, dass man es kaum von einem Stab zum nächsten schafft kühlt es in der Nacht extrem ab. Die Temperaturschwankung ist zu vergleichen mit Hochsommer und eisigem Winter bei uns. Irgendwie hat es dennoch an einen Hütten-Aufenthalt in den Alpen erinnert.

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 Welche Materialien verwenden Sie. Warum? Und woher kommen die?

Wir verwenden aktuell vornehmlich Loden von österreichischen Traditions-Webereien, wie Leichtfried und Loden Steiner. Ein Parka ist zum Beispiel aus Schurwolle, mit 20% Alpaka-Anteil gefertigt. Der Alpaka macht den Oberstoff besonders strapazierfähig. Loden ist auf natürliche Weise wasserabweisend und atmungsaktiv. Zusätzlich haben wir ihn mit einer Imprägnierung ausrüsten lassen, die den Stoff noch schmutzabweisender macht, so dass Wasser richtig abperlt. Einer unserer Stoffe aus Großbritannien ist mit Bienenwachs getränkt, was ihn perfekt gegen Regen ausrüstet und gleichzeitig eine interessante Struktur hat.

Klingt toll, aber warum lassen Sie in China produzieren?

Mein Onkel, der in Hong Kong wohnt, kümmert sich um unsere Produktion, was es uns ermöglicht technische Dinge umzusetzen, die wir woanders nicht so leicht machen könnten. Da wir in den eigenen Fabriken fertigen sind wir sozusagen gleichzeitig Marke, Entwicklung und Produzenten. Somit wissen wir genau wer zu welchen Bedingungen und mit welcher Qualität bei uns arbeitet. Das wirkt sich positiv auf das Produkt aus, bedeutet aber auch, dass wir keine schlaflosen Nächte oder schlechtes Gewissen haben müssen. Der Preis ist kein Argument. Es ist möglich im Mittelmeerraum deutlich günstiger zu produzieren. Die Frage ist nur mit welcher Qualität und vor allem zu welchen Bedingungen.

Wo kann man Ihre Kollektion sehen und kaufen?

Im Moment gibt es die Sachen in ein paar ausgewählten Läden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. So zum Beispiel bei Ralf’s Fine Garments in München, oder Ecke 32 in Konstanz.

Was kommt als nächstes?

Hoffentlich ein schneereicher Winter.

Haben Sie ein stilistisches Vorbild?

Nicht ein einzelnes, das ich konkret benennen könnte. Außer vielleicht meine Labrador Hündin – sie ist immer elegant in schwarz gekleidet.

 Was raten Sie dem deutschen Mann?

Geh nach draußen!

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